Niemands Töchter Judith Hoersch
Wer ist man, wenn man Niemands Tochter ist?
Hat man dann nicht auf eine verworrene Weise die Chance frei zu wählen?
Und ist man nicht dennoch immer irgendwessens Tochter?
Wie sehr prägen uns die Menschen, mit denen wir aufwachsen?
Und tun sie das mehr, als jene von denen wir abstammen?
Niemands Töchter hat mir viel zu denken gegeben.
Auf der einen Seite über die Schönheit der Sprache und wie Judith Hoersch sie elegant verwendet. Auf der anderen über meine liebste, zwischenmenschliche Beziehung: Die von Müttern und Töchtern.
Dieses Buch tut genau das, wofür ich Bücher liebe.
Es zeigt die Komplexität von Mutter und Tochter Beziehungen auf.
Etwas, was vielen Töchtern verwehrt bleibt, dürfen wir in Büchern erleben.
Verständnis.
Wir verstehen, weil vor uns nichts geheim gehalten wird.
Wir kennen die Gedanken, innere Konflikte von beiden Seiten auf eine Art und Weise, wie sie sie gegenseitig nie erleben werden.
Töchter sehen ihre Mütter nie in ihrer Ganzheit. Sie kennen nur den Teil der Frau, die Mutter wurde. Wer wir Mütter davor waren, bleibt unseren Kindern für immer verwehrt. Egal wie viele Geschichten wir ihnen erzählen, wie sehr wir versuchen, sie in unsere Welt einzuladen. Wir sind nicht mehr das Mädchen, das den ersten Liebeskummer durchmacht, nächtelang feiert und versucht, von den Wunden der eigenen Kindheit zu heilen. Doch dieser Teil von uns, der vermeintlich starb, als wir Mutter wurden, lebt in uns. Er lebt in einer teils überbordenden Kraft in uns. Wie mütterlich unsere Handlungen auch wirken mögen, sie werden noch immer mitbestimmt von dem kleinen Mädchen in uns, das unsere Töchter nie kennenlernen durften.
So können wir uns nie verstehen. Denn sie wissen nicht, wie es war, unser Leben zu leben. Und wir wissen nicht, wie es ist, sie zu sein.
Wir waren nie unsere eigenen Töchter, woher sollen wir wissen, wie es ist, uns als Mutter zu haben?
Und da, wo so wenig Verstehen sein kann, da kann ganz viel Sehen sein. Wir können unsere Töchter sehen, in dem, wer sie sind und wer sie werden. Und uns von ihnen sehen lassen, in dem, wer wir sind und wer wir werden, eben nur nicht in dem, wer wir waren.
Und während wir, ohne es zu wollen, unsere Konditionierung auf unsere Töchter übertragen, ihnen ein bisschen von unserem Päckchen mitgeben, gibt es eben auch Niemands Töchter. Die vielleicht dennoch das Päckchen ihrer Mütter tragen. Der Leiblichen und der, die bereit war ihr Leben mit ihr zu teilen.
Tochter zu sein, ist das was wir Frauen alle gemeinsam haben. Die einzige Rolle, die jede von uns mit der Geburt annimmt. Nichts was wir im Laufe unseres Lebens werden, löst diese Rolle ab, niemals wird sie ersetzt. Wir waren, sind und bleiben Tochter. Für immer. Aber wir können wir diese Rolle gestalten? Haben wir überhaupt eine Chance, uns in dieser Rolle auszuleben? Ich habe so viele Gedanken zu diesem Thema, dass ich eine SEASON OF BEING A DAUGHTER Podcastepisode aufgenommen habe, in der ich all meine Tochter Gedanken mit dir teile. Hör gern rein: https://open.spotify.com/episode/7LxJXnaMOW5oJPywYBq8Ms?si=okrIY-oaTIGdXFsV0zjhVg
Niemands Töchter hat mich zwischen den Zeilen tief berührt, es hat mich nachdenklich gemacht und mir Freude bereitet. Und es ist verdammt schön anzusehen.