Die Lücke – diese entsetzliche Lücke.
Es wird immer eine Lücke in uns geben. Die Lücke, zwischen dem Menschen, der wir sein wollen und dem Menschen der wir sind. Diese Sehnsucht in uns, die eine Leere hinterlässt, die manchen präsent, fast schmerzlich bewusst ist und für andere kaum wahrnehmbar.
Die Geschichte von Joachim Meyerhoff erzählt von dieser und vielen anderen Lücken, die sich im Laufe unseres Lebens so auftun. Mit einer treffsichereren Genauigkeit beschreibt er etwas, was ich so gut kenne, dass ich mich nun auf eine aberwitzige Weise mit ihm verbunden fühle.
Die besondere Beziehung von Kindern zu ihren Großeltern.
Von uns, zur Nachkriegsgeneration. Eine Generation, die ausstirbt und die für mich in so vielen Dingen amüsant anders war, als wir es jemals sein werden.
Die Generation in der Rituale noch ein Anker der Sicherheit waren und kein Social Media Trend. Menschen, die sich an Strukturen festhalten, die sie selbst erschaffen, sobald die Welt keine mehr für sie parat hat. Gerüche, die es nur bei meinen Großeltern gab. Eine wohlige Wärme, schwere Möbel, strike Ordnung und feste Essenszeiten. Als hätte das Chaos des Kriegs eine Generation hinterlassen, die Sicherheit in festen Uhrzeiten und strengen Gewohnheiten fand.
Noch nie konnte ich die Besonderheit von Großeltern so klar sehen, wie in diesem Film.
Ein junger Mann auf der Suche nach sich selbst, und Großeltern, die sich im Alter immer mehr verlieren.
Der Tod meiner Großeltern hat eine Lücke in mir hinterlassen, und gleichzeitig sind sie so präsent, wann immer ich an sie denke. Die Erinnerung an sie verblassen nicht. Denn sie waren prägend. Ich kann fühlen, wie es sich anfühlt, die warme immer schlecht gelüftete Wohnung zu betreten. Ich schmecke den unverkennbaren Geschmack von rheinischem Sauerbraten und rieche den morgendlichen Filterkaffee. Jeder Schrank, jedes Bild, einfach alles im Zuhause meiner Großeltern hat sich fest in meinen Kopf gebrannt. Ich weiß noch welche Dielen knarzen und dass das kleine Bad beim Flur nie richtig geheizt war. Es sind diese Orte, die wir mit kindlicher Vertrautheit in uns aufsaugen. Sie waren die immer konstanten in meinem Leben. Während meine Eltern sich trennten, oder wir zum dritten Mal umzogen verschoben meine Großeltern nicht mal Möbel. Die letzte Generation, die keine ständige Veränderung brauchte.
Dieser Film zeigt auf eine liebevolle Art und Weise, wie sehr wir die Generationen vor uns für völlig bekloppt halten und gleichzeitig bedingungslos lieben können.
Er macht mir das Geschenk bewusst, dass meine Kinder in ihren Großeltern haben und sät den Wunsch, dass sie sie mit genauso liebevollem Blick betrachten.
Joachim Meyerhoff beschreibt etwas, dass für uns alle so normal ist, dass wir es gar nicht bewusst wahrnehmen. Die Phase, in der wir uns als junge Menschen auf die Suche nach uns selbst begeben, ist oft die Phase in der unsere Großeltern beginnen sich zu verlieren. Sie verlieren ihre Körperkraft oder ihr Gedächtnis. Und so oft auch die Liebe ihres Lebens.
Ich freue mich aufs alt werden, denn die einzig andere Option ist es nicht zu erleben, aber seit gestern habe ich auch sehr viel Respekt davor. Und eben diesen Respekt möchte ich den Menschen, die vor mir alt werden, noch mehr entgegenbringen.
Manchmal werden wir emotional zutiefst berührt und Filme verändern etwas in uns, ohne, dass wir es in Worte fassen können. Ich habe es dennoch versucht.
Gestern war ein perfekter Moment, im Kino mit meiner Mama und meiner Schwiegermutter. Den Großmüttern meiner Töchter. Und ich saß da zwischen ihnen und wir alle warfen auf eine gewisse Art und Weise einen Blick in unsere gemeinsame Zukunft, eine Zukunft, in der ich den beiden Frauen beim altern zusehen werde. Ihre Eigenarten belächeln und gleichzeitig lieben werde. Ihre Wohnungen tragen die Gerüche, die meine Kinder später mit der Wohligkeit der Großeltern verbinden werden. Auf diese Frauen werden sie mit Tränen in den Augen zurückblicken, wenn es darum geht, wer ihre Jugend geprägt hat.
Nicht zu vergessen eine schauspielerische Glanzleistung von jedem einzelnen, der mitgewirkt hat. Bruno Alexander spielt das innerliche Chaos des jungen Joachim Meyerhoff zutiefst berührend.
Wenn ich jetzt darüber schreibe, was ich gestern im Kino erlebt habe, habe ich wieder Tränen in den Augen. Meine Worte können niemals transportieren, was dieser Film in uns bewegen kann.
Ich werde jetzt das Buch lesen, denn wenn wir davon ausgehen, dass ein Film, egal wie großartig niemals die Tiefe des Buches erreicht, wird das wohl das beste Buch, dass ich je gelesen hab.
Also schnapp dir deine Mutter, oder wenn du das Glück hast noch eine zu haben, deine Oma und schau dir diesen Film an.