wie risse in der erde

Wenn die Wahrheit eine Option wäre…

Wie Risse in der Erde – Clare Leslie Hall

Jugendlieben fallen oft unausgesprochenen Wahrheiten zum Opfer. Weil wir nicht mutig genug sind, uns wirklich zu öffnen. Weil wir Angst haben, zutiefst verletzt zu werden. Weil uns nichts so tief erschüttern kann, wie das Ende unserer ersten großen Liebe.

Und obwohl dem so ist, zerreißt es mich fast innerlich, wenn ich lese, dass Menschen ihre Wahrheit nicht teilen. DIE Wahrheit für sich behalten und so ein Leben mit einem immer präsenten ‚Was wäre wenn….‘ leben. Sich den Menschen zu öffnen, die Wahrheit zu teilen, für unsere Wahrheit einzustehen, ist noch heute schwierig, und war sicher im England der fünfziger Jahre noch viel schwieriger. Und dennoch fühle ich eine Ungläubigkeit tief in mir, wenn Menschen die Wahrheit für sich behalten. Sich ihre eigenen Wahrheit zusammendichten, anstatt sich der Wahrheit des Anderen zu öffnen.

In jedem Film, jedem Buch, in dem der Zuseher gewahr wird, dass unausgesprochene Wahrheiten zwischen den beiden Protagonisten bestehen, dreh ich fast durch. Ich denke es waren auch derartige Filme meiner Jugend, die mich immer und immer wieder dazu verleitet haben, mich zutiefst verletzen zu lassen, anstatt mit einer Illusion dessen, was hätte sein können durchs Leben zu gehen.

Wir neigen dazu, uns Möglichkeiten offen zu halten. Gehen nicht für unsere Träume los, weil wir dann immer sagen können, wir würden sie erreichen, würden wir denn endlich losgehen. Wir fragen nicht nach der Wahrheit, weil uns der Raum gefällt, der Platz für Interpretation und Möglichkeiten lässt. Wir leben oft lieber mit einem…’wer weiß‘ als mit der Gewissheit. Denn Gewissheit kann schmerzen und Ungewissheit schenkt Hoffnung.

Es ist ein bisschen wie mit dem Buch schreiben. Ich schreibe und schreibe und solange es niemand liest, kann ich davon träumen, dass es die Herzen der Menschen berührt. Sobald ich mich der Wahrheit stellen muss, es draußen ist, die Welt es lesen kann, muss ich vielleicht erkennen, dass es die Herzen der Menschen kalt lässt, dass ich nicht transportieren kann, was ich zu teilen versuche und dass die Geschichte nicht stark genug ist. Ich kann also auf ewig mit einem nicht-fertigen Buch in der Hoffnung leben, wenn es veröffentlicht würde, würde es Menschen berühren, oder ich kann es an Agenturen schicken und mir Absagen einholen, mich verletzen lassen, um eines Tages wirklich ein Herz zu berühren.

Und weil auch in mir die Angst vor der Wahrheit wohnt, schmerzt es ungemein zu lesen, wie ein siebzehnjähriges Mädchen ihr keine Chance gibt.

Geschichten funktionieren gut, wenn es viel Unausgesprochenes gibt. Das ist spannend und die Leserinnen wünschen sich, die Wahrheit ausgesprochen zu wissen, möchten fast einschreiten und den beiden ‚Kindern‘ helfen, miteinander zu kommunizieren.

‚Wie Risse in der Erde‘ hat mich zwischen den Zeilen berührt, weil es mich daran erinnert hat, wie viel Raum wir der Wahrheit einräumen müssen. Weil die Zukunft jeder Liebe nur auf der Wahrheit zwischen den Liebenden beruhen kann. Weil nur jene eine echte Chance haben, die sich in Wahrheit begegnen.

Und es hat mich zwischen den Zeilen berührt, weil es unterschiedliche Arten der Liebe nebeneinander existieren lässt. Weil Liebe heilt und zerstört und beides gleichermaßen tun kann. Es hat mich berührt, weil ich fest daran glaube, dass Bücher unsere Empathie schulen und dass wir unendlich viel über uns lernen, wenn wir Menschen dabei zusehen, wie sie Fehler machen. Fehler, für die wir sie im echten Leben verurteilen würden, die uns aber menschlich erscheinen, wenn wir der Person, die sie begeht zwischen den Zeilen so nahe sind.

Wir lernen nicht zu bewerten, sondern zu beobachten, und oft sollten wir diese Offenheit mit ins Leben nehmen.

Einzig uns allein in Büchern, kennen wir Menschen so gut, lassen uns so auf sie ein, dass wir ihnen offen begegnen. Wir hören auf sie auf Grund ihrer Fehler zu bewerten oder gar zu verurteilen. Wir sehen hin, versuchen zu verstehen, wieso sie tun, was sie tun und fühlen mit ihnen, wenn sie in ihrem eigenen emotionalen Chaos versinken.

Diese Gabe bräuchten wir im echten Leben öfter. Dann, wenn jemand nicht unseren Werten entsprechend handelt, würde es uns gut tun, uns auf das Innere dieser Person einzulassen, wie auf eine Figur aus einem Roman.

Wenn wir hören, was die Menschen bewegt, müssen wir es nicht gutheißen, aber wir können einander mit offenem Herzen begegnen.

Und auch das schafft wieder Raum für die Wahrheit. Denn je offener wir den Menschen begegnen umso mehr laden wir sie ein, sich uns zu öffnen.

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